Bei der grenzüberschreitenden Beschaffung eines Stahlgussteils ist die Werkstoffbezeichnung auf der Zeichnung nur der Ausgangspunkt. Eine Sorte nach ASTM, EN, DIN oder JIS kann für ähnliche Anwendungen vorgesehen sein wie eine Sorte eines anderen Normensystems. Daraus ergibt sich jedoch keine automatische Eins-zu-eins-Gleichwertigkeit.
Ein belastbarer Vergleich berücksichtigt mehr als den Sortennamen. Chemische Zusammensetzung, mechanische Eigenschaften, Wärmebehandlung, Anforderungen an die Kerbschlagzähigkeit, Gussqualität, Prüfklasse und Einsatzbedingungen müssen vor der Freigabe einer Substitution geprüft werden.
Dieser Leitfaden bietet Einkauf und Konstruktion eine praktische erste Orientierung. Er ersetzt weder die maßgebende Werkstoffnorm noch die Projektspezifikation oder die Freigabe durch den verantwortlichen Ingenieur.
Vergleichstabelle zur ersten Orientierung
Die folgende Tabelle ordnet häufig verwendete Stahlguss-Sorten nach typischen Anwendungen. Die Zuordnungen dienen der technischen Vorauswahl und sind keine bestätigten Gleichwertigkeiten. Vergleichen Sie stets die aktuellen Normausgaben und holen Sie vor einer Änderung des vorgeschriebenen Werkstoffs eine schriftliche Freigabe ein.
| Typische Anwendung | ASTM | EN | DIN | JIS | Chinesische GB-Referenz |
|---|---|---|---|---|---|
| Allgemeiner Maschinenbau und geringer belastete Bauteile | A27 Grade 60-30 | EN 10213 GP240GH | DIN 1681 GS-45 | JIS G5101 SC410 | GB/T 11352 ZG230-450 |
| Strukturbauteile und Schlackenkübel | A27 Grade 70-36 | EN 10213 GP280GH | DIN 1681 GS-52 | JIS G5101 SC450 | GB/T 11352 ZG270-500 |
| Höherfeste Bauteile und große Zahnräder | A148 Grade 90-60 | EN 10213 GS-20Mn5 | DIN 17182 GS-20Mn5 | JIS G5111 SCMn2A | GB/T 14408 ZG30SiMn |
| Schwere Maschinen und Drehofen-Laufringe | A148 Grade 105-85 | EN 10213 G28Mn6 | DIN 17182 GS-28Mn6 | JIS G5111 SCMn3A | GB/T 14408 ZG35SiMn |
| Korrosionsbeständige Ventil- und Pumpengehäuse | A351 Grade CF8 | EN 10213 GX5CrNi19-10 | DIN 17445 1.4308 | JIS G5121 SCS13 | GB/T 12230 ZG07Cr19Ni9 |
Wichtige Einschränkung: Eine ähnliche Sortenbezeichnung beweist nicht, dass zwei Werkstoffe dieselben chemischen Grenzwerte, Festigkeiten, Zähigkeit, Schweißeignung, Korrosionsbeständigkeit, Wärmebehandlungszustände oder Abnahmekriterien haben. Teilweise betreffen Normen unterschiedliche Erzeugnisformen oder Prüfbedingungen. Nutzen Sie die Tabelle zur Vorauswahl und prüfen Sie anschließend die Einzelheiten anhand der geltenden Unterlagen.
Warum eine Werkstoffsubstitution eine technische Prüfung erfordert
Eine Werkstoffsubstitution kann Fertigung, Prüfung und Verhalten im Einsatz gleichzeitig beeinflussen. Die folgenden Punkte müssen geklärt werden, bevor ein Lieferant einen Werkstoff nach einer anderen Norm verwenden darf.
1. Chemische Zusammensetzung
Vergleichen Sie sämtliche chemischen Grenzwerte, nicht nur Kohlenstoff und Mangan. Beachten Sie insbesondere Phosphor, Schwefel, Silizium, Chrom, Nickel, Molybdän und Begleitelemente, soweit sie für die Einsatzumgebung oder das Schweißverfahren relevant sind.
- Sind die oberen und unteren Grenzwerte miteinander vereinbar?
- Enthält die vorgeschlagene Sorte Legierungselemente, die Härtbarkeit oder Korrosionsbeständigkeit verändern?
- Sind die Grenzwerte für Begleitelemente für den vorgesehenen Einsatz geeignet?
- Beeinflusst die Änderung Reparaturschweißungen, Vorwärmung oder Wärmebehandlung nach dem Schweißen?
Bei regulierten Anwendungen, Tieftemperatur- oder Meereseinsatz sowie Anwendungen mit schwerwiegenden Ausfallfolgen reicht ein ähnlich klingender Werkstoffname als Freigabenachweis nicht aus.
2. Mechanische Eigenschaften
Vergleichen Sie die geforderten mechanischen Eigenschaften unter denselben Prüfbedingungen. Je nach Norm können Probenlage, Wärmebehandlungszustand, Querschnittsgröße, Temperatur und Probenahmeregeln die angegebenen Werte beeinflussen.
- Streckgrenze oder Dehngrenze
- Zugfestigkeit
- Bruchdehnung
- Brucheinschnürung, sofern gefordert
- Härte, soweit relevant
- Kerbschlagarbeit und Prüftemperatur
Vergleichen Sie einen nominellen Festigkeitswert aus einer Norm nicht mit einem unter anderen Bedingungen ermittelten Wert und stellen Sie das Ergebnis nicht als unmittelbare Gleichwertigkeit dar.
3. Wärmebehandlung
Die endgültigen Eigenschaften eines Stahlgussteils hängen von der gesamten Prozessfolge ab. Die Bestellspezifikation sollte den geforderten Wärmebehandlungszustand festlegen, etwa Normalglühen, Anlassen, Glühen, Härten und Anlassen oder Spannungsarmglühen.
Fordern und prüfen Sie die entsprechenden Aufzeichnungen: Ofenidentifikation, Temperaturverlauf, Haltezeit, Abkühlverfahren und Rückverfolgbarkeit zur Schmelze. Bei großen Gussteilen machen Wanddicke und Temperaturgradienten eine sorgfältige Prozessführung besonders wichtig.
4. Kerbschlagzähigkeit und Einsatztemperatur
Eine Sorte, die bei Raumtemperatur ausreichend funktioniert, kann für tiefe Einsatztemperaturen ungeeignet sein. Bei kaltem Klima, Offshore-Einsatz, Drucksystemen oder anderen anspruchsvollen Anwendungen müssen die geforderte Prüftemperatur für den Charpy-V-Kerbschlagversuch und der Abnahmewert festgelegt werden.
Bewerten Sie die Kerbschlaganforderungen zusammen mit Querschnittsgröße, Wärmebehandlung und tatsächlicher Auslegungstemperatur. Leiten Sie sie nicht allein aus dem Sortennamen ab.
5. Gussqualität und Prüfung
Chemische Zusammensetzung und Zugkennwerte beschreiben nicht das gesamte Qualitätsrisiko eines großen Gussteils. Die Bestellspezifikation sollte auch Sicht- und Maßprüfung, Ultraschallprüfung, Magnetpulverprüfung, Eindringprüfung, gegebenenfalls Durchstrahlungsprüfung, Reparaturgrenzen und Reparaturschweißverfahren sowie Abnahmekriterien und Berichtsform festlegen.
Der Prüfumfang sollte auf Bauteilgeometrie, Lastpfad, Ausfallfolgen und maßgebender Spezifikation beruhen. Die höchste Prüfklasse ohne technische Begründung auf jeden Bereich anzuwenden kann Kosten und Lieferzeit erhöhen. Zu geringe Anforderungen an kritische Bereiche verursachen dagegen ein nicht vertretbares Risiko.
Praktischer Ablauf einer Werkstoffsubstitution
Ein geregeltes Substitutionsverfahren ist zuverlässiger als die informelle Bitte an einen Lieferanten, eine ähnliche Sorte auszuwählen.
- Ursprüngliche Anforderungen festhalten. Dokumentieren Sie Norm, Sorte, Erzeugnisform, Wärmebehandlungszustand, Prüfanforderungen, Auslegungstemperatur und Einsatzumgebung.
- Mögliche Ersatzsorten ermitteln. Erstellen Sie eine Vorauswahl anhand von Normen, früheren genehmigten Substitutionen und Lieferantendaten.
- Vollständige Anforderungen vergleichen. Stellen Sie Zusammensetzung, mechanische Eigenschaften, Zähigkeit, Wärmebehandlung, Gussqualität und Prüfkriterien gegenüber.
- Fertigbarkeit prüfen. Bestätigen Sie Schmelzverfahren, Formherstellung, Speisung, Wärmebehandlung, Bearbeitung, Prüfausrüstung und Rückverfolgbarkeit.
- Abweichungen dokumentieren. Führen Sie jeden Unterschied zwischen ursprünglichen und vorgeschlagenen Anforderungen auf, statt sich auf eine pauschale Gleichwertigkeitsaussage zu verlassen.
- Freigabe einholen. Die zuständige Konstruktionsstelle, der Käufer oder der verantwortliche Ingenieur muss die Substitution vor Fertigungsbeginn schriftlich genehmigen.
- Geliefertes Gussteil überprüfen. Vergleichen Sie Schmelzzeugnisse, Prüfberichte, Prüfaufzeichnungen, Messergebnisse und Werkstoffrückverfolgbarkeit mit der freigegebenen Spezifikation.
Wie Sie einen Lieferanten für schwere Gussteile bewerten
Bei großen Gussteilen sollte die Lieferantenbewertung bauteilspezifische Nachweise und das jeweilige Risikoprofil berücksichtigen. Geeignete Unterlagen können sein:
- Frühere Fertigungsaufzeichnungen für vergleichbare Größen, Geometrien und Legierungsgruppen
- Aufzeichnungen zum Schmelzen, Raffinieren und Gießen
- Wärmebehandlungsdiagramme mit Bezug zur Schmelze
- Qualifikations- und Kalibrierungsnachweise der Prüfausrüstung
- ZfP-Verfahren, Personalqualifikationen und Prüfberichte
- Gießsimulationen oder verfahrenstechnische Unterlagen, soweit zutreffend
- Reparaturkarten und Qualifikationen für Reparaturschweißungen
- Maßprüf- und Bearbeitungsaufzeichnungen
- Verpackungs-, Hebe- und Transportpläne für übergroße Bauteile
Die konkret erforderlichen Nachweise sollten in der Bestellspezifikation vereinbart werden. Eine Lieferantenbroschüre oder eine allgemeine Maschinenliste ersetzt keine bauteilspezifischen Qualitätsaufzeichnungen.
Gesamtkosten: mehr als der Werkstoffpreis
Der niedrigste Angebotspreis für ein Gussteil bedeutet nicht zwangsläufig die niedrigsten Gesamtkosten. Eine aussagekräftige Bewertung berücksichtigt Modell- und Werkzeugkosten, Schmelz- und Wärmebehandlungsroute, Bearbeitungszugaben, Prüf- und Dokumentationsumfang, Nacharbeits- und Reparaturrisiken, Land- und Seetransport, Zölle, Heben und Handhabung, Endbearbeitung und Inbetriebnahme sowie Verzögerungskosten bei nicht bestandener Prüfung.
Bearbeitungszugaben sollten mit dem Lieferanten und dem endgültigen Bearbeitungsplan abgestimmt werden. Das Entfernen unnötigen Materials vor dem Versand kann das Transportgewicht senken. Dabei müssen jedoch Bezugspunkte, Bearbeitungszugaben und Zugänglichkeit für Prüfungen erhalten bleiben. Maßgebend sind Zeichnungen und Prozesspläne, keine pauschalen prozentualen Einsparversprechen.
Auch Prüfanforderungen sollten anhand des technischen Risikos optimiert und nicht einfach zur Kostensenkung gelockert werden. Ein geringerer Prüfumfang ist nur zulässig, wenn die maßgebenden Konstruktions- und Bestellanforderungen dies erlauben.
Fragen vor der Freigabe eines Ersatzwerkstoffs
- Welche aktuellen Ausgaben der beiden Normen werden verglichen?
- Sind die Sorten für dieselbe Erzeugnisform und dieselben Einsatzbedingungen vorgesehen?
- Überschneiden sich die chemischen Grenzwerte bei jedem vorgeschriebenen Element?
- Werden die mechanischen Prüfungen unter vergleichbaren Bedingungen durchgeführt?
- Wird die Kerbschlaganforderung bei der geforderten Einsatztemperatur geprüft?
- Sind Wärmebehandlung und Querschnittseinflüsse berücksichtigt?
- Erfüllt die vorgeschlagene Sorte Zeichnung, Regelwerk und Kundenanforderungen?
- Welche Prüfbereiche und Abnahmekriterien ändern sich?
- Wer darf die Substitution genehmigen?
- Wie werden Schmelze, Gussteil, Prüfung und Werkstoffrückverfolgbarkeit dokumentiert?
Fazit
ASTM-, EN-, DIN- und JIS-Bezeichnungen helfen dem Einkauf, technisch relevante Ersatzsorten zu finden. Eine Zuordnungstabelle ist jedoch keine Freigabeunterlage. Vergleichen Sie die vollständigen Anforderungen, dokumentieren Sie Unterschiede, bestätigen Sie die Fertigbarkeit und holen Sie vor der Produktion eine schriftliche technische Freigabe ein.
Bereiten Sie bei der Beschaffung eines kundenspezifischen Stahlgussteils Zeichnung, ursprüngliche Werkstoffbezeichnung, Einsatzbedingungen, Menge, Prüfanforderungen und gewünschten Liefertermin vor der Angebotsanfrage vor. Ein qualifizierter Lieferant kann dann die Spezifikation prüfen und eine Fertigungsroute oder Werkstoffalternative zur technischen Freigabe vorschlagen.
Technische Prüfung anfragen
FWD Steel Casting kann als einer der möglichen Lieferanten für ein technisches Angebot zu kundenspezifischen Stahlgussteilen berücksichtigt werden. Senden Sie für eine aussagekräftige Anfrage die Zeichnung oder das 3D-Modell zusammen mit Werkstoffvorgabe, Anwendung, Einsatztemperatur, erwarteten Lasten, Menge, Bearbeitungsumfang und Prüfanforderungen. Jede vorgeschlagene Werkstoffsubstitution bedarf weiterhin der Freigabe durch den Käufer und den verantwortlichen Ingenieur.